Das größte zusammenhängende Wärmenetz Norddeutschlands mit Nutzung von Bioenergie ist in dem kleinen Ort Lüsche im Landkreis Vechta verlegt. Der Ort wurde von der Bioenergie-Region Südoldenburg kürzlich als „Ausgezeichnetes Klimaschutzprojekt“ prämiert.
Stolz auf die Photovoltaikanlage (.v.l.): Gustav und Annegret Renneberg mit Tochter Annalena, Mitgesellschafter Ralf Raddatz und Alexander Müller vom Bankhaus Seeliger. Foto: Gantz
Im Rahmen der Prämierung gab es auch eine Podiumsdiskussion zur Frage, inwieweit Kommunen Bioenergie zur Sicherstellung ihrer Energieversorgung nutzen können. Veranstalter der Podiumsdiskussion war die „Bioenergie-Region Südoldenburg“ - ein Projekt, mit dem die beiden veredlungsintensiven niedersächsischen Landkreise Cloppenburg und Vechta in den kommenden Jahren zu einer bundesweiten Vorbildregion in Sachen Bioenergie entwickelt werden sollen. Das Projekt, das vom „agrar + ernährungsforum Oldenburger Münsterland“ (ein Zusammenschluss von 60 Unternehmen der Branche) entwickelt wurde, wird vom Bund bis 2012 mit 400.000 € gefördert und hat unter anderem zum Ziel, die Nährstoffproblematik der Region zu lösen, eine Entspannung der Flächenkonflikte zu erreichen und neue Konzepte für eine sinnvolle Ausgestaltung des Erneuerbaren Energieengesetzes (EEG) zu entwickeln.
Die Prämierung des Wärmenetzes in Lüsche ist in diesem Kontext zu sehen. Im August 2009 erfolgte durch die „Lüscher Fernwärme GmbH & Co. KG“ der erste Spatenstich zum Bau des Fernwärmenetzes im Ort. Bereits zu Weihnachten 2009 konnten die ersten Bewohner ihre Häuser hieraus beheizen. Insgesamt werden künftig rund 230 Haushalte Wärme von zwei Biogasanlagen im Ort beziehen.
Aus zwei Biogasanlagen
Die beiden landwirtschaftlichen Biogasanlagen mit einer elektrischen Leistung von jeweils 500 Kilowatt, die bereits seit mehreren Jahren in Betrieb sind, liefern neben dem umweltfreundlichen Strom künftig eben zusätzlich etwa sieben Mio. Kilowattstunden (kWh) Wärme. Diese Menge entspricht etwa 650.000 cbm Erdgas oder 650.000 l Heizöl und erspart der Atmosphäre jährlich rund 1.600 Tonnen CO2.
Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist die Schonung der Portemonnaies der Bewohner. Der Wärmepreis ist für zehn Jahre fixiert und deutlich günstiger als die Wärme aus Öl, Erdgas oder Heizöl. Die Lieferverträge laufen über 20 Jahre. Das geplante Fernwärmenetz wird in der Endausbaustufe ca. 12 km lang sein und durch den gesamten Ort verlegt. Nicht nur Haushalte werden angeschlossen, sondern auch private Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Investiert werden dafür rund 2,4 Mio. €. Neben der Lüscher Fernwärme beteiligen sich an diesen Kosten alle Haushalte, die die umweltfreundliche Wärme beziehen. Sie zahlen jedoch lediglich 250 € aus ihrer eigenen Tasche, 1.800 € gab es je Haushalt an Fördermitteln.
Wie Bernard Schomaker, Geschäftsführer des „agrar+ernährungsforum Oldenburger Münsterland“, auf der Podiumsdiskussion betonte, gibt es neben dem Lüscher Wärmenetz bereits verschiedene andere Ansätze in der Region, dass Kommunen ihre Energieversorgung stärker in die eigene Hand nehmen: „Die Energieversorgung gehört grundsätzlich zur Vorsorge der Kommunen. Sie haben ... eine besondere Verantwortung und Vorbildfunktion bei der Verminderung des Ressourcenverbrauchs und beim Klimaschutz“. So versorgt die Gemeinde Vrees bereits seit 1997 ein damals neues Wohngebiet mit 86 Haushalten mit der Wärme eines Holzhackschnitzelheizwerkes.
Bürgermeister Heribert Kleene stellte sein Konzept vor, das Holzhackschnitzelwerk ist heute fast bezahlt. Wichtig sei, so Kleene, entsprechende Projekte zusammen mit den Bürgern zu entwickeln und zu planen. Als großer Befürworter der Bioenergie zeigte sich auch Hans Lehmann, Bürgermeister der Gemeinde Bakum, zu der auch Lüsche gehört. Die Gemeinde Bakum ist nicht den Weg gegangen, durch Änderung von Flächennutzungsplänen die Erzeugung von Bioenergie in der Nähe von Wohnsiedlungen zu verhindern, sondern ermöglichte es umgekehrt den Betreibern von Biogasanlagen, ihre Anlagen zu vergrößern und über Wärmenetze und Satelliten-BHKW’s andere Nutzer für die Wärme zu finden.
In Bakum werden unter anderem die Gemeindeverwaltung, Schulen und das Schwimmbad so versorgt. Zudem ist die Gemeinde an zwei Windkraftstandorten beteiligt, auch das Rathausdach „schmückt“ heute eine Photovoltaikanlage. Wie Lehmann informierte, entwickelt man derzeit zusammen mit der benachbarten Gemeinde Cappeln ein gemeinsames Energiekonzept, um in der Nutzung alternativer Energien noch weiter zu gehen.
Verträge laufen aus
Laut Lehmann laufen entsprechende Gespräche auch in den anderen 23 Städten und Gemeinden des Oldenburger Münsterlandes. Hintergrund ist, dass die Konzessionsverträge mit den regionalen Energieversorgern EWE und RWE bald auslaufen und es unter anderem auch darum gehe, Konzepte für eine eigenständige regionale Energieerzeugung auf Basis von Bioenergie zu finden. Dr. Jörg Buddenberg vom Energieversorger EWE wies darauf hin, dass sein Unternehmen zu 75 % kommunale Eigner habe und der Bereich Bioenergie auch in der EWE als ein wichtiges Standbein der Zukunft gesehen werde. Entsprechende Konzepte würden schon heute zusammen mit den Kommunen entwickelt. Er gab jedoch zu bedenken, dass gerade im ländlichen Raum nicht an jedem Standort eine direkte Wärmenutzung möglich sei, deshalb sah er die weitere Entwicklung zum Beispiel im Bereich Gasaufbereitung als sehr wichtig an.
Konflikte entschärfen
Wie anfangs bereits erwähnt, ist ein Ziel des Projektes „Bioenergie-Region Südoldenburg“ auch die Entschärfung des Flächenkonflikts, der gerade in der Veredlungsregion Südoldenburg mittlerweile zu immensen Pachtpreisen geführt hat, die es zum Beispiel den Veredlungsbetrieben sehr schwer machen, überhaupt noch weiter wachsen zu können. Bernard Schomaker machte denn auch deutlich, dass eine Förderung der Bioenergie nicht nur Förderung von - herkömmlichen - Biogasanlagen heißen könne. Ein anderer Weg, der auch technisch weiterentwickelt werden müsse, sei zum Beispiel die Vergasung von Biomasse zur Strom- und Wärmegewinnung.