Als vor etwa vier Jahren bekannt wurde, dass in Niedersachsen mehrere Trassen für Höchstspannungsleitungen geplant werden, regten sich massive Bürgerproteste. Durch Niedersachsen sollen spätestens ab 2015 mehrere Trassen verlaufen: von Wahle bei Braunschweig bis nach Nordhessen, von Diele bei Leer bis an den Niederrhein sowie von Ganderkesee im Landkreis Oldenburg bis Sankt Hülfe im Landkreis Diepholz.
In vielen Gemeinden haben die Bauvorhaben große Aufregung ausgelöst. Die Bürger wehren sich dagegen, dass zum Beispiel das reizvolle Landschaftsbild im Harzvorland und im Leinetal durch mindestens 60 m hohe Stahlmasten zerstört wird. Auch Angst vor Elektrosmog treibt viele um. Die Bürgerinitiativen gegen die „Megamasten" fordern, dass die Trassen ganz unter der Erde verlegt werden.
Reaktion auf Proteste
Die niedersächsische Landesregierung reagierte auf die Proteste mit dem im Dezember vergangenen Jahres verabschiedeten Niedersächsischen Erdkabelgesetz sowie der Novellierung des Landesraumordnungsprogramms (LROP). Danach müssten neue Freileitungen mit mehr als 110 kV zu Siedlungen und einzelnen Häusern mindestens 400 beziehungsweise 200 m Abstand halten und dürfen Landschaftsschutzgebiete nicht durchqueren.
Somit wurden die Planungen für die Strecke von Ganderkesee bis Sankt Hülfe modifiziert, dort soll sich nun Erdverkabelung mit Freileitung abwechseln. Damit geben sich die dortigen Bürger aber nicht zufrieden. Sie fordern aus verschiedenen Gründen weiterhin die vollständige Erdverkabelung (LAND & Forst berichtete). Auch für die Trassen von Wahle nach Mecklar wird nun Erdverkabelung innerhalb bestimmter Siedlungsabstände und in Landschaftsschutzgebieten beabsichtigt. Während aufgrund der Streckenlänge für Ganderkesee bis St. Hülfe (etwa 60 km) nur das so genannte VPE-Erdkabel mit Wechsel-/Drehstromtechnik in Frage käme, setzen sich die Bürgerinitiativen entlang der Strecke Wahle bis Mecklar (etwa 180 km) für eine durchgehende Erdverlegung mit der „HGÜ" (Hochspannungsgleichstromübertragung) ein, die wegen der längeren Strecke dort sinnvoller erscheint.
„Uns ist wichtig, den Landwirten in der Region die Angst zu nehmen, was denn da in die Erde kommt", sagt Reinhard Schaare von der BI Innerstetal und Umgebung, der selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb in Wartjenstedt bei Salzgitter unterhält.
Ängste unbegründet
Schaare und seine BI-Kollegin Heike Krause sowie Dr. Josef Diekgerdes von der Northeimer BI „Vorsicht Freileitung", Thorsten Fleige-Lüttgering, BI Lahstedt (Kreis Peine) und Bernd Hornkohl, BI Kalefeld (Kreis Northeim) berichten, dass sie immer wieder Veranstaltungen erleben, auf denen bei Landwirten Ängste geschürt würden. Informationen würden selektiv weitergegeben und aus dem Sinnzusammenhang gerissen. „Deshalb ist uns daran gelegen, über die generellen Vorteile von Erdkabeln gegenüber Freileitungen zu informieren (siehe auch Kasten)", so Heike Krause.
„Wir können auch absolut nicht nachvollziehen, warum über ein durchgehendes HGÜ-Kabel, das der veralteten Freileitungstechnik auf unserer Trasse meilenweit überlegen ist, nicht einmal ernsthaft diskutiert wird." Die Vorteile gegenüber der Freileitung wögen die Nachteile einer Erdverkabelung bei weitem auf: Nach Abschluss fachgerechter Erdarbeiten ist der Kabelgraben in der Landschaft unsichtbar und die Verdichtung der Erde ist bei sachgerechten Erdarbeiten für einen Zeitraum von nicht mehr als fünf Jahren relevant. Deshalb könne über dem Kabelgraben Landwirtschaft ohne Einschränkungen betrieben werden – was oft anders dargestellt werde, so Reinhard Schaare.
Es entstünden keine elektromagnetischen Felder an der Erdoberfläche. Wenn Reparaturarbeiten nötig würden, seien bei der HGÜ keine Abschaltungen im Stromnetz erforderlich, betont Thorsten Fleige-Lüttgering. Und es werde immer wieder von Erderwärmung gesprochen. Bei der HGÜ sei dies nicht der Fall. Aber auch bei der VPE (Erwärmung von 1,5 ° C über dem Streifen, in dem das Kabel liegt), müsse man überlegen, was schlimmer sei: „Alle 400 m ein Mast mit 150-m2-Betonsockel, um den man rumfahren muss, oder ein 20-m-Streifen, der ein bisschen früher fertig ist", so Schaare.
Von Vorteil sind zudem die geringen Betriebskosten eines Erdkabels, und besonders wichtig ist den BI-Aktiven festzustellen, dass die Stromverluste in HGÜ-Kabeln unter 5 % liegen, während diese bei 380-kV-Freileitungen dreimal so hoch sind. Und nicht zuletzt einer der größten, nachhaltigen Vorteile des Erdkabels liegen darin, dass das Landschaftsbild nicht zerstört wird.
Immobilienwerte sinken
Bernd Hornkohl gibt zu Bedenken, dass unter Freileitungen „und da ist das Wort ‚unter’ im wahrsten Sinne des Wortes gemeint, die Landwirte am meisten leiden": Zum einen verlören sie durch die Betonsockel für die riesigen Masten jede Menge Land und somit auch Geld. Bei einer Trassenbreite von 60 bis 80 m seien erhebliche Ausgleichsflächen notwendig.
Erdkabel verbrauchen dagegen nur 6 % der Fläche, die die Masten für Freileitungen benötigen. Und: Die gesamte Fläche ist befahr- und beackerbar. Zum anderen seien sie unter der Freileitung hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt. „Herzschrittmacher und GPS werden gestört", warnt er. Und auch für die Anwohner in geringer Entfernung würden gesundheitliche Risiken vermutet. „Nicht zu vergessen ist, dass die Werte der Immobilien im Bereich von Freileitungen deutlich sinken", so Heike Krause. Weitere Nachteile: Einbußen im Tourismus durch die Zerstörung des Landschaftsbildes und ein hohes Sicherheitsrisiko durch brechende Masten.
Dr. Josef Diekgerdes hält die Freileitungen für „Steinzeittechnik". Die Technik für nachhaltige Lösungen ist vorhanden, es muss jedoch noch erheblicher politischer Willen aufgebracht werden, um die Umsetzung dieser Erdkabel-Technik von den Energieversorgern einzufordern."
Das oft angeführte Kostenargument lassen die Freileitungsgegner nicht gelten. Auch hier werde immer wieder reichlich übertrieben, wenn von horrenden Mehrkosten für die Verkabelung gesprochen werde. Für Kabel lägen sie rund zweieinhalb Mal höher als für Freileitungen. „Und da nach dem neuen Gesetz die Energieversorger ihre Kosten auf die Verbraucher umlegen können, zieht dieses Argument eigentlich nicht", so Krause.
Das Bundesumweltministerium hätte berechnet, dass die Mehrkosten für einen Vier-Personenhaushalt etwa drei Cent pro Monat ausmachen. Und wenn man bedenke, dass die Stromverluste nur ein Drittel gegenüber der Freileitung sind, spare auch das langfristig hohe Verbrauchskosten. Umgekehrt könnte man auch sagen: Die Stromversorger hätten kein Interesse, Strom zu sparen, denn die Stromkosten könnten sie ja auf die Verbraucher umlegen. Je mehr produziert werde, desto höher sei der Gewinn – und die Verbraucher zahlen.
Kosten seriös berechnen
„Einen Nachteil des HGÜ-Kabels, das ja Gleichstrom führt, wollen wir nicht verschweigen", sagt Heike Krause. „Man kann nicht an jeder beliebigen Stelle – wie bei der Freileitung, die Wechselstrom führt, Strom ‚abzweigen’. Dafür braucht man Umrichtstationen, deren Kosten pro Station bei 30 Mio. € liegen." Deshalb rechne sich eine HGÜ erst ab 150 km Länge.
Doch nütze es nichts, diese Technik wegen höherer Investitionskosten zu verdammen. „Es ist eine Milchmädchenrechnung, nur die Erstellungskosten anzuführen. Seriös wird die Rechnung erst, wenn die betriebswirtschaftlichen und die volkswirtschaftlichen Kosten für die kommenden 20 Jahre ausgerechnet werden", kritisiert Thorsten Fleige-Lüttgering allzu kurzsichtiges Argumentieren. Und auch folgender Umweltaspekt spreche eindeutig für das Kabel: Erdkabel sparen durch niedrigere Verluste gegenüber einer Freileitung pro Jahr und pro Kilometer 850.000 Kilogramm Kohlendioxid.
Fazit der Kabelbefürworter: „Es wird Zeit, dass Politiker auf Bundes- und Landesebene die Aussagen der Energiekonzerne kritischer betrachten. Hier geht es offenbar nur ums Geldverdienen und nicht um Klimaziele oder das Wohl der Menschen."
380.000 Volt-Leitungen - Techniken im Vergleich