Donnerstag, 17.05.2012
Gegen das Wegwerfen
Berlin - Ein großer Anteil der weltweit erzeugten Lebensmittel landet im Müll. "Lebensmittelverschwendung. Was können wir tun?" war daher das Thema des Bäuerinnenforums und die Antwort der Landfrauen eindeutig: hauswirtschaftliche Bildung bei Kindern und Erwachsenen fördern.
Brigitte Scherb , Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbands.
© Foto: Grund
Wenn so viele Lebensmittel auf dem Müll landen, sei dies ein deutliches Zeichen für die verloren gegangene Wertschätzung von Lebensmitteln, betonte Brigitte Scherb, Präsidentin des dlv, beim Auftakt der Veranstaltung. Ihr Verband wolle sich den Bestrebungen der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) anschließen, bis 2025 die Lebensmittelabfälle um die Hälfte zu reduzieren.
Die Landfrauen sehen ihre Aufgabe dabei vor allem in der Verbraucheraufklärung. Während in der Kriegsgeneration die Einstellung "Brot wegwerfen ist Sünde" noch allgemein gültig war, sei dies heute nicht mehr so, beklagte Brigitte Scherb. Ursachen dafür seien günstige Preise und die ständige Verfügbarkeit der Lebensmittel, aber auch Unwissenheit, Entfremdung von den Produktions- und Herstellungsprozessen sowie die veränderten Lebensverhältnisse. Dadurch gingen Fähigkeiten des Haushaltens, Einteilens und der Essenszubereitung leicht verloren. Die Landfrauen wollten neu vermitteln, was früher in den Familien ganz selbstverständlich über Generationen als elementares Alltagswissen weitergegeben wurde. Doch sie kämen sich heute mit ihrer Forderung nach hauswirtschaftlicher Bildung in den Schulen manchmal wie einsame Rufer in der Wüste vor. Hauptredner des Bäuerinnenforums war Valentin Thurn, der mit dem Buch "Die Essensvernichter" und dem Film "Taste the waste" ein Millionenpublikum zum Thema globale Lebensmittelverschwendung erreicht hat. Thurn gab einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des internationalen Projekts und zeigte einige Ausschnitte aus dem Film.
Bauern als Wegwerfer?
Anschließend wurde am Podium und mit dem Publikum des Bäuerinnenforums heftig diskutiert. Petra Nüssle vom
DBV lobte Thurns Argumentation, bestritt allerdings für die deutschen Bauern die im Film behaupteten hohen Verlustzahlen bei Kartoffeln. Einerseits seien seit 2011 die zum strengen Aussortieren zwingenden europäischen Vermarktungsnormen aufgehoben, und andererseits würden dank moderner, verlustarm arbeitender Erntetechnik und zunehmender Direktvermarktung, bei der auch die freiwillig mit dem Handel vereinbarten Normen nicht gelten, viel geringere Restmengen entstehen. Im Übrigen seien Ackerfrüchte, die nicht ins Regal gelangen, längst nicht verloren, weil sie ja weiter verarbeitet würden.
Handel leistet sich wenig Lebensmittel-Müll
Hans-Jürgen Matern, Vizepräsident des METRO-Konzerns, versicherte, dass sich auch seine Branche verantwortungsvoll mit diesem Thema befasse. Der Konzern versuche durch entsprechende Verträge mit den Erzeugern und Verkürzen der Lieferketten auf eine Reduzierung der Nachernteverluste hinzuwirken. Damit in den Regalen der Supermärkte keine Lebensmittel verderben, werde gefährdete Ware circa zwei Prozent zunächst in Sonderaktionen angeboten, verbleibende Mengen stelle man den Tafel-Verbänden für die Bedürftigen zur Verfügung. Von Zulieferern verlange man für verpackte Artikel lange Haltbarkeitszeiten, z. B. für Kochschinken von 14 Tagen plus einer "Restlaufzeit" von zehn Tagen. Man habe für Frischeprodukte den Lieferrhythmus auf tägliche, teilweise sogar halbtägliche Anfuhr verändert. Was dennoch als Rest verbleibe, werde an Biogaserzeuger verkauft.
Private Haushalte in der Verantwortung
Für die Lebensmittelverschwendung in Privathaushalten sieht Dr. Evelyn Schmidtke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen mehrere Gründe. So könnten viele im zeitknappen Alltag ihren Verbrauch gar nicht mehr richtig einschätzen. Was die Unsicherheiten mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum betrifft, sei ihr Verband seit einigen Monaten sehr aktiv in der politischen Diskussion. Er warne dabei aber vor einem Aktionismus, der den Verbrauchern die ganze Verantwortung zuschiebe. Man sei gegen eine Änderung beim vor 30 Jahren eingeführten Mindesthaltbarkeitsdatum. Hier gehe es vor allem um bessere Aufklärung. Aus dem Publikum meldete sich ein Milchbauer zu Wort. Er beklagte, der Handel knechte mit niedrigen Milchpreisen die Landwirte. Er solle den Kunden die Milch als werthaltiges Nahrungsmittel darstellen und mehr Bedientheken einrichten. Hans-Jürgen Matern hielt dagegen, das Angebot bei Milch sei größer als der Bedarf, und der Konsum gehe weiter zurück. Seit die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, CMA, ihre Arbeit habe leider einstellen müssen, fehlten die großen Werbeaktionen für Milch und Milchprodukte, die wirksam die Preise gestützt hätten. Heute würden sich Handel und Landwirtschaft lieber auf die Füße treten, als dass sie zusammenarbeiteten. Eine Landfrau aus Rheinland-Pfalz warf die Frage auf, ob denn genügend Kompetenz, z. B. bei den Empfängern der Tafeln, vorhanden sei, aus der Rohware Essen zuzubereiten. Gerd Häuser bestätigte, dass dies zunehmend ein Problem sei. Und er war sich mit Hans-Jürgen Matern darin einig: Auch Resteverwertung müsse gelernt werden. Die massenhaft im Fernsehen angebotenen Kochsendungen, bei denen stets die erlesensten Zutaten Verwendung finden, seien hier völlig kontraproduktiv. Immer wieder kam die Diskussion aber auf den einen Punkt zurück: Schon im Kindesalter müssen Kenntnisse der Haus- und Ernährungswirtschaft, möglichst auch der Lebensgestaltung vermittelt werden. Hierfür braucht man gute Lehrer, von denen sicher viele in den Reihen der Landfrauen zu finden sind. Brigitte Scherb erneuerte die Forderung des Verbandes an die Politik, ein entsprechendes Schulfach an den allgemeinbildenden Schulen einzurichten.
Dr. Manfred Grund
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