Die Landwirtschaft muss sich nicht nur auf höhere Temperaturen und Dürreperioden im Sommer einstellen. Auch Überschwemmungen nach Starkniederschlägen werden uns öfter ereilen.
© Raupert
Alle Staaten sind aufgefordert, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel abzubremsen und dessen Auswirkungen in einem beherrschbaren Rahmen zu halten. Auch die Europäische Union hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt, u. a. will man die Treibhausgasemissionen reduzieren und Energie einsparen, um damit die globale Erwärmung zumindest zu verlangsamen.
Das europäische Informationszentrum (EIZ) Niedersachsen und die LWK Niedersachsen haben das Thema Klimawandel in der vergangenen Woche auf einer Tagung in Jork aufgegriffen, um Anpassungsstrategien und Chancen der Landwirtschaft zu diskutieren. Hauptreferent war Prof. Dr. Peter Lemke, Alfred-Wegner-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, der vor dem Plenum interessante Ergebnisse des UN-Klimaberichts vorstellte.
Auslöser der Erwärmung
Lemke stellte klar, dass das Problem der Klimaerwärmung im Wesentlichen (30 %) auf die Bevölkerungszunahme zurückzuführen ist. Eine bedeutende Rolle spielen herbei der Flächenverbrauch und die Veränderung der Erdoberfläche durch Städtebau und Landwirtschaft. 70 % der Klimaänderung sind seinen Angaben zufolge auf die veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre und hier insbesondere auf den Anstieg des wichtigsten Treibhausgases CO2 zurückzuführen, das neben Wasserdampf den größten Teil zum Treibhauseffekt beisteuert.
Das Treibhausgas CO2, dessen rapider Anstieg durch Untersuchungen an 800.000 Jahre alten Eiskernen im Polargebiet belegt werden kann, ist besonders wichtig. Noch vor 1.000 Jahren hat laut Lemke der CO2-Gehalt in einer Warmzeit wie momentan bei rund 280 ppm gelegen, in einer Eiszeit waren es rund 180 ppm. Die Differenz zwischen diesen Extremen betrug also 100 ppm. Aktuell werden bereits Gehalte von 380 ppm CO2 gemessen, also 100 ppm mehr als in früheren Warmzeiten. Der Zuwachs ist also genauso groß wie der damalige Unterschied zwischen einer Warm- und Eiszeit. Auch die Methankonzentration (CH4) hat sich in der Atmosphäre mehr als verdoppelt.
Im Zuge des CO2-Anstiegs hat sich auch die Temperatur in den letzten 50 Jahren erhöht. Dies hat zu deutlichen Veränderungen auf der Erde geführt. Auffällig ist der rasante Rückgang der Schneefläche. Auch die Vereisungsdauer geht zurück. Bei Fluss- und See-eis beträgt sie nach Angaben des Wissenschaftlers derzeit zwölf Tage pro Jahr. Die Meereisausdehnung nimmt pro Dekade um 3 % in der nördlichen Hemisphäre ab. In der südlichen Hemisphäre ist der Rückgang aufgrund des großen Eisvorkommens noch nicht signifikant.
Eis wird dünner
Weiterhin sei festzustellen, dass die Temperaturschwankungen in den nördlichen Polargebieten doppelt so hoch sind wie andernorts. Die Folge ist laut Lemke ein massives Abschmelzen des Meereises. So beträgt der Rückgang der arktischen Meereisausdehnung nach Berechnungen der Wissenschaftler 7,4 % pro Dekade. "Das Eis ist dünner geworden", stellte Prof. Lemke fest. Messungen haben ergeben, dass im Zeitraum von 1991 bis 2004 die Eisdicke von 2,5 auf 2 m am Nordpol abgenommen hat. Bis zum Jahr 2008 hat sich dieser Prozess beschleunigt. Heute beträgt die Eisdicke laut Lemke nur noch 1 m.
Auch die Gletscher weichen rapide zurück, die Schmelzrate hat sich gegenüber früher verdoppelt. Allein die Abschmelzung der riesigen Gletscher in Alaska habe bereits zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 6,5 mm geführt. Im 20. Jahrhundert ist der Meeresspiegel insgesamt um etwa 17 cm im globalen Mittel angestiegen. Gründe sind die thermische Ausdehnung des Meerwassers sowie schmelzende Gletscher, Eiskappen und Eisschilde. Lemke rechnet pro Jahr mit einem Meeresspiegelanstieg von rund 3 mm, das bedeutet 30 cm in 100 Jahren.
Erschreckend ist, dass die bereits heute zu beobachtenden Wirkungen des Klimawandels nur auf die Treibhausgasemissionen der letzten zwei Jahrhunderte zurückzuführen sind. Die Wirkungen der heute deutlich höheren Ausstöße werden sich laut Lemke erst in den kommenden Jahrzehnten bemerkbar machen. Selbst wenn sofort deutliche Einschränkungen vorgenommen werden, wird der CO2-Gehalt auf rund 550 ppm ansteigen. Eine weitere Erwärmung ist daher nicht mehr aufzuhalten, das Ausmaß der Veränderungen jedoch noch teilweise.
Um festzustellen, was uns in Zukunft im Einzelnen erwartet, stellen die Wissenschaftler des Internationalen Wissenschaftsrates zum Klimawandel (IPCC), dem auch Prof. Lemke angehört, Projektionen künftiger Klimaänderungen an. Die Ergebnisse basieren auf einer großen Anzahl von Modellsimulationen und einer breiten Auswahl an Klimamodellen. Für die Klimamodelle haben die Wissenschaftler drei verschiedene Szenarien für den zukünftigen Treibhausgasausstoß entworfen: einen niedrigen, einen mittleren und einen hohen Ausstoß.
Die Ergebnisse zeigen, dass selbst bei niedriger Emissionsrate die mittlere globale Erwärmung an der Erdoberfläche für den Zeitraum 2090 bis 2099 gegenüber 1980 bis 1999 um 1,8 °C (Spanne von 1,1 bis 2,9 °C) zunehmen wird. Bei mittleren Ausstößen steigt die Temperatur um mindestens 2,8 °C (1,7 bis 4,4 °C). Im schlimmsten Fall würde die Temperatur nach Berechnung der Wissenschaftler sogar um 4 °C (2,4 bis 6,4 °C) ansteigen. In den nördlichen Polargebieten könnte sich die Temperatur sogar um 8 °C erhöhen. Durch den Temperaturanstieg würden natürlich die Eis- und Schneevorkommen weiter schmelzen und der Meeresspiegel im schlimmsten Szenario um knapp 60 cm ansteigen. Für die Küstenregionen und tief gelegene Landstriche wie z. B. das Alte Land müssen daher die Alarmglocken läuten. Vorrang muss unter diesen Voraussetzungen ein effektiver Deichschutz haben, der eine Erhöhung der bestehenden Anlagen um mindestens 60 cm vorsehen muss.
Auch Deutschland bleibt von den Auswirkungen nicht verschont. So stieg nach Angaben des Umweltbundesamtes die Jahresmitteltemperatur hierzulande in den vergangenen 100 Jahren um etwa 0,8 °C. Im vergangenen Jahrzehnt ist der Anstieg allein um 0,15 °C auf das Doppelte gestiegen. Die Menschen spüren den Klimawechsel bereits, vor allem an den wärmeren Wintermonaten. Die vergangenen zehn Jahre des 20. Jahrhunderts waren das wärmste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts.
Ebenso ist festzustellen, dass in den vergangenen 100 Jahren vor allem im Westen Deutschlands die Niederschläge deutlich zugenommen haben. Am stärksten war die Zunahme im Winter. Im Osten dagegen haben vor allem die sommerlichen Niederschläge abgenommen. Klimaänderungen zeigen sich auch in ungewöhnlichen Ausmaßen extremer Wetterereignisse, wie Hitzeperioden und Starkniederschläge. Die Szenarien der Wissenschaftler zeigen ferner auf, dass Extremereignisse in Zukunft häufiger, intensiver und heftiger eintreffen werden und ein hohes Schadpotenzial in sich bergen.
Nach regionalen Klimamodellen des UBA ist in den Küstenregionen in Norddeutschland bis zum Ende des 21. Jahrhunderts mit nur einem geringen Temperaturanstieg zu rechnen, weil das Meer ausgleichend wirkt. Wahrscheinlich ist aber eine überdurchschnittliche Zunahme der Niederschläge im Winter an der Nordsee. Für die Ostseeküste und das nordostdeutsche Tiefland wird mit einer besonders starken Abnahme der sommerlichen Niederschläge gerechnet. Dies dürfte in den schon heute von Trockenheit betroffenen nordöstlichen Regionen ohne geeignete Anpassung zu Problemen in der Landwirtschaft und in der Wasserwirtschaft führen. Das Fazit von Prof. Lemke lautet, dass die Menschheit schnell umdenken muss, um den Prozess zu verlangsamen. Entscheidend für das Leben auf der Erde seien die nächsten 100 Jahre. Aktuelle Naturkatastrophen, wie zurzeit in Birma oder auch der Tsunami in Indonesien vor wenigen Jahren werden immer stärker auftreten. Auf diese Ereignisse seien jedoch viele Nationen noch immer nicht vorbereitet, stellte der Wissenschaftler fest.
Höhere Risiken
Anpassungsstrategien und Chancen der Landwirtschaft in Niedersachsen skizzierte auf der Veranstaltung in Jork Hans-Georg Hassenpflug, LWK Niedersachsen. Seinen Angaben zufolge werden die Kulturpflanzen auf die Klimaveränderung unterschiedlich reagieren. Die Experten der Kammer gehen davon aus, dass durch die steigenden Temperaturen auch die Probleme mit Insekten und anderen tierischen Schaderregern zunehmen werden. Laut Hassenpflug sind mit Artenänderungen und mehr Entwicklungszyklen einzelner Schädlinge zu rechnen.
Auch die Risiken durch Virosen und Pilzkrankheiten werden aufgrund der höheren Temperaturen zunehmen. Daher sei mit einem höheren Aufwand an Pflanzenschutzmitteln zu rechnen. Erheblichen Einfluss wird die höhere Temperatur auch auf die Unkrautflora nehmen. Hier ist ebenso mit einer Artenänderung und einer Zunahme von schwer bekämpfbaren Arten zu rechnen, die bei der milden Winterwitterung größere Überlebenschancen haben.
Veränderungen kommen auch auf die Tierhaltung zu. Laut Hassenpflug werden beispielsweise bereits die zahlreichen Fälle von
Blauzungenkrankheit damit in Verbindung gebracht. Die Seuche unter Rindern, Schafen und Ziegen ist vor August 2006 in Deutschland noch nie nachgewiesen worden. Durch die höheren Temperaturen liegen für den Erreger der Krankheit, eine Stechmücke, immer bessere Lebensbedingungen vor. Sie ist bereits bis in den Norden vorgedrungen. Hier bleibt nur eine Impfung im großen Umfang.
Auch die Obstbauern im Alten Land erleben den Klimawandel bereits heute an eindeutigen Veränderungen. Ein sichtbares Zeichen ist nach Angaben von Dr. Karsten Klopp, Leiter der Obstbauversuchsanstalt Jork, die frühere Obstblüte. Apfelbäume blühen seinen Angaben zufolge etwa 19 Tage früher als noch vor 30 Jahren. Dies führte er auf die erhöhten Temperaturen im Februar, März und April zurück. Bei Birne, Kirsche und Pflaume sei ein ähnlicher Trend zu beobachten.
Durch die frühe Blüte steige jedoch auch das Risiko der Schäden durch Spätfröste. Die Konsequenz sei, dass ohne eine wirksame Frostschutzberegnung eine Ertragssicherheit im Obstbau nicht mehr möglich ist. Neben der verkürzten Blühdauer sei auch ein früherer Erntetermin festzustellen. Pro Jahrzehnt sei von 1975 bis 2005 eine Ernteverfrühung um 4,4 Tage ermittelt worden. Die Durchschnittstemperatur ist an der Niederelbe in den vergangenen 30 Jahren um 1,7 °C gestiegen, was über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Die Obstbauern haben nach Angaben von Klopp darauf mit dem Anbau Wärme liebender Sorten, wie z. B. Braeburn reagiert. Diese Sorte spielte vor 15 Jahren noch keine Rolle, heute beträgt ihr Anteil rund 5 % an der Gesamternte.
Negativ ist festzustellen, dass durch die höheren Temperaturen im Herbst, insbesondere in den Nächten, die Früchte nur noch mangelhaft ausfärben, was sich in einer schlechteren Vermarktung niederschlägt. Ebenfalls nimmt laut Klopp das Risiko zu, dass die Früchte durch Schadinsekten stärker befallen werden. Konkret nannte der Referent den Apfelwickler, der nicht wie bisher nur eine Generation, sondern bei höheren Durchschnittstemperaturen auch zwei Generationen im Spätsommer ausbilden kann. Ebenso werde der Flugbeginn des Apfelwicklers früher einsetzen. Die Obstbauern müssen sich ferner auf neue Schadpilze einstellen (z.B. Regenfleckenkrankheit und Schwarze Sommerfäule an Äpfeln).