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[ » LAND & Forst » Content » Landleben » Soziales » „Kuhhaltung ist eine Lebenshaltung" ]
Montag, 21.05.2012
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Soziales | 06.10.2009

„Kuhhaltung ist eine Lebenshaltung"

Zu einer Tagung haben sich in der vorigen Woche die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Sorgentelefone und Familienberatungen für landwirtschaftliche Familien in Niedersachsen getroffen. Neben sehr informativen Vorträgen gab es Zeit für einen Austausch miteinander.

 
„Kuhhaltung ist eine Lebenshaltung
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„Kuhhaltung ist eine Lebenshaltung"
Finanzielle Probleme sind sehr oft auch der Auslöser für familiäre Probleme", berichtet eine Mitarbeiterin des Sorgentelefons Barendorf. Heute sitzt sie nicht am Hörer, sondern ist, wie knapp 20 ihrer Kollegen zum Treffen der Mitarbeiter der Sorgentelefone und Familienberatungen für landwirtschaftliche Familien in Niedersachsen in die Evangelische Heimvolkshochschule Rastede gekommen. Geleitet wurde die Tagung von Hennig Hölscher, Geschäftsführer beim Landwirtschaftlichen Sorgentelefon Rastede.
 
„Bauern helfen Bauern" ist das Motto der Sorgentelefone – und Hilfe brauchen zurzeit viele Bauern, sowohl in Form von Trost und moralischer Unterstützung, viele aber noch dringender mit Rat und Tat, wie sie noch etwas retten können, in ihrem vom Ruin bedrohten Familienbetrieb. Die Auswirkungen der Krise, unter der immer mehr Landwirts-Familien in Niedersachsen leiden, kamen während des Treffens deutlich zur Sprache. So erfahren Sorgentelefon-Mitarbeiter, neben anderen Problemen auch immer wieder viel über die menschliche Seite der Krise.
 
Seelenlage vieler ist aufgewühlt
 
„Ich bin selbst Milchbäuerin, auch unser Betrieb lebt zurzeit von der Substanz, ich verstehe die Not den Menschen auf der anderen Seite der Leitung", sagt eine andere Beraterin. Die Teilnehmer aus verschiedenen Regionen Niedersachsens zeichneten ein Stimmungsbild – und das fiel recht einheitlich aus: Die Seelenlage sei aufgewühlt bis aufgeheizt, angesichts der Tatsache, dass viele Milchbauern vor dem Ruin stehen. Dramatisch sei die Lage in Ostfriesland, so eine der Ehrenamtlichen, die berichtete, dass dort bereits mehrere Betriebsleiter Selbstmord begangen hätten, weil sie keinen Ausweg mehr gesehen hätten.
 
Viele Menschen außerhalb der Landwirtschaft könnten überhaupt nicht verstehen, warum man denn nicht einfach aufhört, so eine weitere Ehrenamtliche. Die Menschen wüssten einfach nicht, dass es eine Bindungsfrist gibt, wenn man bestimmte Kredite in Anspruch genommen hat. „So wie bei uns, wir haben vor neun Jahren einen Stall gebaut und können in den nächsten drei Jahren nicht einfach aus der Milchwirtschaft aussteigen", erzählt die Milchbäuerin, die es trotz eigener Sorgen noch schafft, anderen Bäuerinnen oder Bauern am Telefon zuzuhören und Mut zu machen, wieder einen ersten Schritt zu tun. Hinzu komme, da waren sich die Berater einig: „Milchviehhaltung ist eine Lebenshaltung." Man könne einem Milchbauern nicht raten, mal eben auf Hühner- oder Putenproduktion umzustellen. „Schlimm finde ich, wie sehr die Solidarität unter den Bauern nachgelassen hat", sagt eine ältere Beraterin, die mittlerweile Altenteilerin ist und noch andere Zeiten erlebt hat. Unisono klagten die Ehrenamtlichen, dass sich viele Berufskollegen vom Landvolk im Stich gelassen fühlten.
 
Hintergrundwissen durch Kurzvorträge
 
Eingeladen war auch Pastor Gerd Schmidt-Möck von der Evangelischen Telefonseelsorge Oldenburg. Er berichtete, dass dort seit einiger Zeit die Telefonseelsorge auch als Chat im Internet angeboten wird. „Der Bedarf ist so enorm, dass wir ihn nicht decken können", sagte er. Viele Menschen in Not würden mittlerweile den anonymeren Ort Internet vorziehen.
 
Ludger Rolfes vom Sorgentelefon Oesede schilderte die jüngsten Entwicklungen beim dortigen Sorgentelefon und Anne Dirksen von der sozioökonomischen Beratung der LWK Niedersachsen berichtete aus ihrer täglichen Beratungsarbeit. „Leider warten viele Betriebsleiter, denen das Wasser bis zum Hals steht, einfach zu lange, bis sie in die Beratung kommen", so die Fachfrau.
 
Besser sei es, wenn sie kämen, so lange noch ein bisschen Handlungsspielraum da ist. Oft würde erst bei ihr angerufen, wenn sich der Gerichtsvollzieher für den Nachmittag angemeldet habe. „Besteht dagegen noch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, suchen wir zunächst nach Wegen, akute Finanzengpässe auszuräumen, um dann gemeinsam mit der Familie eine längerfristige Strategie zu entwickeln. Die Entscheidung, die Betriebsführung um- oder auch einzustellen, ist eine mutige unternehmerische Entscheidung, die gute Vorbereitung und Begleitung erfordert", erläuterte Dirksen.
 
Wenn die Überschuldung allerdings sehr groß sei, versuche sie, den Familien bzw. den Betriebleitern den Horror vor einer Insolvenz zu nehmen, die oft das (letzte) Mittel der Wahl sei. „Nur so besteht die Möglichkeit, nach sechs Jahren von der Restschuld befreit zu werden. Allerdings nur dann, wenn der Antrag auf Restschuldbefreiung sofort mit gestellt wird", so Dirksen.
 
Zum Abschluss der Tagung besuchte die Gruppe die Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen bei Oldenburg. Dort gab ihnen die Chefärztin der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie, Dr. Isabel Englert, wertvolle Tipps und Hinweise für ihre Arbeit am Sorgentelefon.
 
 
Sorgentelefone und Familienberatungen
 
Die Sorgentelefone für landwirtschaftliche Familien sind jeweils am Montag zu erreichen:
 
▶ Evangelische Heimvolkshochschule Rastede:
04402-84488, 9 bis 12 Uhr und 18 bis 21 Uhr.
 
▶ Katholische Landvolkshochschule Oesede:
05401-866820, 8.30 bis 12 Uhr und 19.30 Uhr bis 22 Uhr.
 
▶ Familienberatungen nach Vereinbarung: 05407-506261.
 
▶ Heimvolkshochschule Barendorf: 04137-812540, 9 bis 12 Uhr. ▶ Familienberatungen nach Vereinbarung am Sorgentelefon.
 
▶ Sozioökonomische Beratung der LWK Niedersachsen:
0441-801329.
 
 
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Keywords Familienberatung | Konfliktberatung | Sorgentelefon | Sorgentelefone
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