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"Teufelskraut", so bezeichneten die Menschen das bereits im 16. Jahrhundert aus den Anden mitgebrachte Gewächs "Tartuffel". Erst als Zierpflanze in Herrschaftsgärten bestaunt, hat die Kartoffel 150 Jahre gebraucht, um sich in Deutschland Mitte des 18. Jh. als Nahrungsmittel zur Hungerbekämpfung durchzusetzen und zum beliebtesten Grundnahrungsmittel in der Nachkriegszeit aufzusteigen. Dass dies nicht ganz ohne Zwang erfolgte, geht auf den Feldherrn und Preußenkönig Friedrich II. (* 24. Januar 1712; + 17. August 1786) zurück, der zur Linderung verheerender Kriegswunden eine besondere Sorge für die Landwirtschaft seines Staates trug und damit die Ernährung seines Volkes sicherte.
Sein 300. Geburtstag lässt die Pflanzenzüchter und Landwirte in Deutschland auf den verborgenen Schatz Kartoffel zurückblicken, der schon bald sein Comeback zur Bekämpfung des Hungers einer wachsenden Weltbevölkerung feiern könnte.
Aus der Kartoffel kann man heute so manches machen: Ob als frisch zubereitete köstliche Beilage zu edlem Gemüse oder Fleisch, ob als Kartoffelsalat beim Grillen oder als Pommes Frites oder Chips – jeder kennt und mag die Kartoffel in ihrer Vielseitigkeit von der gesunden frischen Beilage bis hin zum Fertigprodukt oder sogar als Rohstoff für die industrielle Stärkegewinnung. Vor allem aber ihre ernährungsphysiologische Bedeutung hat sie aber in ihrer über 5000-jährigen Geschichte nie verloren.
"Die Knollen sollt Ihr fressen"
Die edle Knolle hat schon viele Jahre auf dem Buckel: Bereits 3.000 vor Christus ernährten sich Inka in den südamerikanischen Anden von ihr und leiteten den Übergang von einer Wildpflanze zur Kulturpflanze ein. Der Grundstein für den Kartoffelanbau in Europa war gelegt, als spanische Eroberer König Philipp 1565 eine Kiste Kartoffeln aus Peru mitbrachten und englische Seefahrer die Kartoffeln aus Chile gegen Ende des 16. Jahrhunderts nach England einführten. Doch während die Kartoffel in Spanien und Italien, den Niederlanden und England schon früh als Nahrungsmittel geschätzt wurde, kam ihre Ausbreitung in Deutschland nur langsam voran.
Friedrich der Große war es, der den Kartoffelanbau in Deutschland zu seinem persönlichen Anliegen machte und dieser zu ihrem Siegeszug zunächst über Preußen und schließlich über ganz Deutschland verhalf. Davon waren gerade die traditionell behafteten Gutsherren zunächst wenig angetan und es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit. Der nach Verzehr der Beeren (statt der Knollen) entstandene Glaube, dass die Kartoffel ein giftiges Gewächs sei – dazu soll Friedrich II. im Übrigen gesagt haben:
"Die Wurzeln sollt Ihr fressen, nicht die Früchte." – und die Tatsache, dass die aus den Anden stammende Kartoffel für hiesige Klimaverhältnisse schlecht angepasst war und diese Hackfrucht nicht in die traditionelle Dreifelderwirtschaft passte, erschwerten ihre Akzeptanz in der Landwirtschaft.
1744 ließ Friedrich II. erstmals wie auch in späteren Hungersnöten unentgeltlich Saatkartoffeln verteilen. Der alarmierende Bevölkerungsanstieg veranlasste ihn schließlich 1756 zum Kartoffelbefehl: "Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die Kartoffel angebaut werden…" Den tatsächlichen Durchbruch erzielte die Knolle, als die große Hungersnot der Jahre 1770 bis 1772 und 1774 ganz Preußen heimsuchte und lange Winter und feuchte Sommer verheerende Auswirkungen auf die Getreideernten hatten.
Über Jahre war die Kartoffel nun das wichtigste Grundnahrungsmittel in Europa. Die Menschen in Irland hatten ihre Nahrungsversorgung gänzlich auf die Kartoffel umgestellt und nahezu ausschließlich Kartoffeln angebaut, bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine "Fäule des Kartoffelkrautes" zu massiven Ernteausfällen und damit mangels alternativer Nahrungsangebote zu Hungersnöten führte. Das Land verlor in den folgenden Jahren Millionen Menschen durch die Hungersnot und durch Auswanderung. Auch das europäische Festland wurde von dem noch unbekannten Erreger erfasst. "Vor allem der Pflanzenzüchtung ist es nun zu verdanken, dass die Kartoffel als eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel bis heute erhalten geblieben ist und resistente Sorten gegen neu auftretende, zum Teil verheerende Schädlinge und Pilze entwickelt werden konnten", erläutert Dr. Kartz von Kameke, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP).
"Die Kartoffel an vorderster Front gegen den Hunger"
In Deutschland ist die Speisekartoffel fester Bestandteil der Ernährung. War es früher üblich, zu festen Zeiten komplette Mahlzeiten zu sich zu nehmen, so ist heute eine mehrfache Aufnahme von kleineren Mahlzeiten weit verbreitet. Entsprechend ist die Angebotsvielfalt bei den Kartoffelfertigerzeugnissen ausgeweitet worden. Auch Gourmetköche entdecken die Kartoffel wieder für sich und wandeln die oftmals vorurteilsbehaftet, nur mit der Nachkriegsküche in Verbindung gebrachte Knolle in kreative geschmackvolle Gerichten.
Heute ist die Kartoffel in der ganzen Welt heimisch geworden. Von Südamerika kam sie über England nach Deutschland – und gelangte von Deutschland aus nach Afrika. Experten sehen hier ihr größtes Potenzial im Kampf gegen den Hunger. "Denn in den Entwicklungsländern liegen die Erträge auf einem Niveau, das erheblichen Raum für Ertragssteigerungen zulässt", prognostiziert von Kameke.
Die Kartoffel liefert sehr viele Kalorien pro Flächeneinheit, was sie vor dem Hintergrund knapper Wasser- und Bodenressourcen besonders wertvoll macht. Kartoffeln zeichnen sich durch einen niedrigen Fettgehalt sowie durch einen mittleren bis hohen Gehalt an Spurenelementen und Vitaminen aus. Daher kann die Kartoffel auch zur Bekämpfung des "versteckten Hungers" in Entwicklungsländern beitragen. Der ehemalige Generaldirektor der Welternährungsorganisation Jacques Diouf hat die Rolle dieser wichtigen Nahrungspflanze wie folgt auf den Punkt gebracht: "Die Kartoffel steht an vorderster Front im Kampf gegen Hunger und Armut." (pd)