Saatgetreideerzeuger haben den Tiefpunkt des Jahres 2010 überwunden.
Der Vorsitzende der bayerischen Saatgetreideerzeuger Hermann Endres, sein Kollege aus der Oberpfalz, Jürgen Wiß, und Geschäftsführer Dr. Christian Augsburger (v. r.).
Der Tiefpunkt scheint überwunden: Die bayerischen Saatgetreideerzeuger hatten in der vergangenen Anbausaison zwar mit einer Vermehrungsfläche von 12 900 ha nur die zweitgeringste Fläche seit 1984, aber trotzdem den historischen Tiefstand von 2009/2010 mit unter 12 200 ha übertroffen. Das mag zwar kein Grund zum Zurücklehnen sein, aber die Verbandsspitze mit dem Vorsitzenden Hermann Endres und Geschäftsführer Dr. Christian Augsburger konnte doch beruhigter als bei einem weiteren Rückgang ihre Verbandsmitglieder und Gäste bei der Jahrestagung in Barbing bei Regensburg begrüßen.
Dr. Augsburger skizzierte in seinem Geschäftsbericht die Saatgetreidevermehrung in Bayern. Er wertete die überdurchschnittliche Ausdehnung der Winterweizenvermehrung im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf knapp 5500 ha als Reaktion auf die schwierige Ernte 2010. Wieder verbessert war der Absatz auch bei Sommergersten- und Roggensaatgut. Weiter rückläufig ist hingegen der Absatz von Hafersaatgut. Insgesamt war der Absatz des in Bayern produzierten Saatguts hervorragend. Fast 90 Prozent des anerkannten Saatguts konnten die Vermehrer auch verkaufen. Mit den Saatgutproduzenten freute sich Augsburger über einen gesteigerten Saatgutwechsel, der im Erntejahr 2011 über alle Getreidearten bei 56 Prozent lag. Das ist ein steiler Anstieg, nachdem im Jahr zuvor nicht einmal 50 Prozent erreicht worden waren. Der Saatgutwechsel in Bayern liegt allerdings deutlich unter dem bundesweiten Schnitt. Abgeleitet von den plombierten Mengen ergeben sich Schätzwerte für einen bayerischen Saatgutwechsel bei Winterweizen von 27, bei Wintergerste von 31 und bei Sommergerste von 44 Prozent. 2010 war aufgrund der schwierigen Ernte besonders in Bayern das Anerkennungsergebnis schlecht. Heuer hat sich die Lage gedreht: Das
Wetter hat den Saatgutvermehrern im Norden und Nordosten Deutschlands die Ernte verregnet, mit der Folge, dass bei Roggen, Triticale und Weizen einige Mindestanforderungen verringert wurden. Nicht so in Bayern, hier gab es mit wenigen Ausnahmen keine Anerkennungsprobleme. Die Quote liegt bei fast 94 Prozent. Die letzten Jahre nahm Dr. Augsburger zum Anlass, auf die besondere Bedeutung einer regionalen Saatgutproduktion hinzuweisen. "Eine Konzentration der Saatguterzeugung auf einige wenige Regionen in Deutschland kann die flächendeckende Versorgung mit qualitativ hochwertigem Z-Saatgut nicht sicherstellen", sagte er. Immerhin in drei der letzten fünf Jahre sei die Verfügbarkeit von Saatgut "regional mehr oder weniger stark eingeschränkt gewesen", sagte der Geschäftsführer.
Derzeit überarbeitet die EU-Kommission das europäische Saatgutrecht. Laut dem stellvertretenden Geschäftsführer des Bundesverbands der Pflanzenzüchter (BDP), Rechtsanwalt Christoph Herrlinger, befindet sich dieser Prozess in einer entscheidenden Phase. Er erklärte den Vermehrern die möglichen Entwicklungen. Die EU-Kommission hat Anfang des Jahres fünf Szenarien vorgelegt:
Szenario 1: Saat- und Pflanzgutrecht bleiben unverändert, jedoch sämtliche Kosten tragen die Züchter und Landwirte. Szenario 2: Die obligatorische und amtliche Registerprüfung bleibt beibehalten, Wertprüfung und Saatgutanerkennung bleiben im bisherigen Umfang. Zugleich wird die Möglichkeit zur Durchführung dieser Aufgaben durch Private unter behördlicher Aufsicht gestärkt. Szenario 3: Die für landwirtschaftliche Arten bisher verpflichtende Wertprüfung und Saatgutanerkennung werden freiwillig, die amtliche Registerprüfung bleibt für alle Arten verpflichtend. Szenario 4: Die Züchter können wählen zwischen einer Sortenzulassung "light" auf Basis züchtereigener Sortenbeschreibung ohne Pflicht zur Wertprüfung oder einer vollwertigen Sortenzulassung mit Wertprüfung. Die Saatgutanerkennung wäre im ersten Fall überhaupt nicht möglich, im zweiten Fall nur freiwillig. Szenario 5: Die Sortenzulassung erfolgt zentralisiert mit genereller Entscheidungskompetenz des Gemeinschaftlichen Sortenamtes.
Der BDP hat sich laut Herrlinger für eine verbesserte Kombination der Szenarien 2 und 5 ausgesprochen. Alle anderen Szenarien lehnt der BDP ab. Die Züchter sehen nicht nur "Innovation und Saatgutqualität, sondern auch die Vielfalt der Zücher und Sorten" gefährdet, sagte Herrlinger. Er sieht sich darin einig mit europäischen Dachverbänden der Züchter und der Landwirte. Schon in seiner Begrüßung hatte Hermann Endres für seinen Landesverband betont, sich vehement für eine weitgehende Beibehaltung der amtlichen Anerkennung und oder einer Anerkennung unter amtlicher Aufsicht mit föderaler Struktur einzusetzen. Sollten privatwirtschaftliche Verfahren diese und die Sortenzulassung ablösen, befürchtet Endres eine Gefährdung gerade auch der bayerischen mittelständischen Vertriebs- und Züchterunternehmen. Ministerialdirigent Friedrich Mayer vom bayerischen Landwirtschaftsministerium sprach sich in seinem Grußwort deutlich für eine starke staatliche Rolle im Saatgutwesen aus. "Es darf nicht gefährdet werden, dass wir hervorragendes und angepasstes Saatgut anbieten können", sagte Mayer. Es gebe keinerlei Überlegungen im bayerischen Landwirtschaftsministerium für einen Ausstieg aus dem staatlichen Versuchswesen, stellte der Beamte klar und bedankte sich für die gute Zusammenarbeit mit den Saatguterzeugern.
Wolfgang Piller