Mittwoch, 23.05.2012
Vermisst: Biber – bitte melde Dich!
Ein Biber hat zu Beginn dieses Jahres am Leineufer bei Sarstedt seine Abdrücke hinterlassen. Doch seit einigen Wochen ist das Tier untergetaucht…
Überraschender Besuch an der Leine: Vielleicht war ein junger Biber auf der Suche nach einem neuen Revier.
© naturmagazin
Karl Büsse und seine Jagdfreunde dachten beim Anblick der abgeknickten Bäume zuerst nicht an eine tierische Ursache. „Da wollen sich Leute ein Baumhaus bauen und haben die Axt angelegt." Erst später stellten sie anhand von typischen, sanduhrförmigen Nagespuren fest: Da hat ein Biber kurzen Prozess gemacht! An einem Entwässerungsgraben in der Nähe des Flusses liegen 20 Bäume mit einem Durchmesser von bis zu 40 Zentimetern.
Fast ausgestorben
In Niedersachsen waren die Nagetiere bisher nur im Emsland und in der Elbtalaue heimisch. Der Ende des 19. Jahrhunderts fast ausgestorbene Nager konnte in den vergangenen Jahrzehnten wieder erfolgreich in Deutschland angesiedelt werden – schätzungsweise rund 500 Tiere gibt es heute in Niedersachsen. „Möglicherweise handelt es sich um einen jungen Biber, der auf der Suche nach einem neuen Revier mit dem Hochwasser an der Leine gelandet ist", vermutet Jagdpächter Büsse.
Doch so erfreulich eine Ansiedlung aus der Sicht des Naturschutzes wäre – nicht überall ist der Vegetarier ein gern gesehener Gast. Denn „Meister Bockert", wie er im Volksmund genannt wird, gerät häufig mit menschlicher Flächennutzung in Konflikt: Weil der Biber kein Kletterer ist, aber die feinen Zweige und Knospen in den Baumkronen liebt, fällt er kurzerhand Bäume, wie z. B. Pappeln und Weiden. Je nach Dicke der Stämme hat er sein Werk spätestens nach einer Nacht vollendet. In der Forstwirtschaft richtet der Biber damit erheblichen Schaden an.
Mit seinen scharfen, nachwachsenden Zähnen vernichtet er Jungpflanzen und Aufforstungen, fräst sich im Sommer durch Maisfelder. Das Nachsehen bei dieser Art der Landschaftsgestaltung haben die jeweiligen Landbesitzer und Bauern. Auch manche Überschwemmung von Wiesen und Feldern geht auf das Konto des Bibers. Um seine Wohnhöhle – den Biberbau – zu schützen, baut er Dämme aus Zweigen, Steinen und Schlamm und staut so das Wasser. Der Eingang des Baus liegt unter Wasser, während sich die Höhle selbst oberhalb des Wasserspiegels befindet. Auf diese Weise wird der Eingang vor Räubern geheim gehalten.
Außer den abgeknickten Bäumen in der Nähe der Leine hat bisher niemand etwas von dem nachtaktiven Nager zu Gesicht bekommen. Seit einigen Wochen gibt es keine frischen Spuren. „Uns fehlen Hinweise, dass das Tier abgewandert ist", sagt Achim Stolz, Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebes für Natur-, Wasser- und Küstenschutz. Er hoffe aber, dass es noch in der Region sei und bald ein zweites Exem-plar hinzukomme. Biber leben in einem Familienverband mit zwei Elterntieren und den Jungtieren der ersten und zweiten Generation. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr wandern die Jungtiere in der Regel ab und erschließen sich als Einzelgänger neuen Lebensraum. Dort werden sie sesshaft und gründen ihrerseits einen Familienverband.
Gutes Nahrungsangebot
Wo aber steckt der Leinebiber? Büsse meint, dass es das Tier vielleicht in Richtung Gronau oder Laatzen verschlagen habe. Schön sei es, wenn er in der Gegend bliebe. „Das Nahrungsangebot ist jedenfalls gut und die Wasserqualität hervorragend". Vielleicht bietet der Fluss also zukünftig nicht nur Lachsen und Forellen, sondern auch den größten Nagetieren Europas ein Zuhause.
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