Über zwölf neue Arbeitsplätze kann sich zum Beispiel Ramona Demel an der Kasse freuen.
Der Bibel zufolge baute Noah seine Arche, um sich und die Seinen vor der Sintflut zu retten. Eine Sintflut droht in Nordhalben im Landkreis Kronach, einen Steinwurf von der Grenze zu Thüringen entfernt, freilich nicht. Dramatisch ist die Lage trotzdem, denn die ehemalige Grenzregion ist in großen Schwierigkeiten. Von den 3300 Einwohnern von 1955 sind gerade einmal noch knapp 1800 übrig, von dem Dutzend Vollerwerbslandwirte ist ein einziger geblieben, junge Leute sind längst weggezogen und für das laufende Jahr hat der noch einzige Industriebetrieb seine Schließung angekündigt. Der Markt steht praktisch ohne Gewerbesteuereinnahmen da und hängt am Tropf des Staates. Von den rund 800 Häusern Nordhalbens stehen mittlerweile etwa 100 leer und werden zu Spottpreisen angeboten, freilich umsonst, denn Zuzügler gibt es nicht. Im April 2010 hat dann auch noch der letzte Einkaufsmarkt im Ort dicht gemacht. "Das alles kann man bedauern und in Resignation verfallen, oder man kann die Ärmel hochkrempeln und etwas tun", sagt Otmar Adler. Der gebürtige Nordhalbener und ehemalige Unternehmer hat es zusammen mit einem Kreis von Mitstreitern geschafft, die Bürger wachzurütteln und etwas zu unternehmen gegen die zunehmende Depression. Adler und seine Mitstreiter gründeten die Initiative "NohA" (NordhalbenAktiv). Obwohl der Buchstabe "h" eine Stelle nach vorne gerückt ist, hat die Initiative einiges gemeinsam mit dem Noah aus dem Alten Testament. Auch der Zusammenschluss engagierter Bürger will den Ort retten, und zwar aus eigener Kraft. Am 1. Dezember 2010 eröffnete dank "NohA" ein Dorfladen, eigentlich ein Dorfsupermarkt, der es in jeder Hinsicht mit einem gut sortierten Discounter in den Städten aufnehmen könnte. "Vielleicht sind wir der größte Dorfladen Bayerns", sagt Adler selbstbewusst. Ihm und seinen Mitstreitern war es binnen kürzester Zeit gelungen, 460 Nordhalbener Bürger zu finden, die bereit waren, jeweils 300 Euro einzuzahlen und damit eine "UG & Co.KG", eine Sonderform der Kommanditgesellschaft, zum Betrieb des "Nordwaldmarktes" zu gründen. "Unser Grundgedanke war es, zu helfen", so Adler, schließlich hätten viele ältere Leute im Ort keinen Führerschein oder kein Auto, die nächste Einkaufsmöglichkeit wäre mindestens 15 Kilometer entfernt. Mit dem Geld und vor allem mit viel Eigenleistung wurde der ehemalige Edeka-Markt zu einem Vorzugspreis von Karl Roth gepachtet und von freiwilligen Helfern liebevoll saniert und modernisiert. Alles ist kinder-, senioren- und behindertenfreundlich, als Treffpunkt gibt es ein kleines Bistro, mit Spielecken, nagelneuen sanitären Anlagen und sogar an ein öffentlicher Bücherschrank gehört dazu. Im Markt gibt es viele Produkte, etwa Backwaren und Eier, aus der Region, aber auch Fleisch- und Wursttheke, Obst- und Getränkeabteilung unterscheiden sich nicht von herkömmlichen Märkten. Stolz sind die Verantwortlichen auf die zwölf festen Arbeitsplätze, die im Nordwaldmarkt entstanden sind. Die braucht es auch, kann es der Markt mit seinen Öffnungszeiten täglich von 7 bis 19 Uhr (samstags bis 16 Uhr) durchaus mit den Märkten in der Stadt aufnehmen. Es gibt Sonderangebote, wöchentliche Werbezettel und jede Menge Parkplätze vor der Ladentür. "Die Menschen sollen keine Gründe haben, woanders zu kaufen", so Adler, denn wenn der Nordwaldmarkt nicht funktioniert, wird es wohl nie mehr eine Einkaufsmöglichkeit im Ort geben, ist sich Adler sicher. Die Nordhalbener haben es also selbst in der Hand, ob der Markt Bestand hat oder nicht. Von einer Erfolgsgeschichte will Adler derzeit (noch) nicht sprechen, dass der Markt langfristig Bestand hat, davon gehen aber alle aus. Schließlich hat die Initiative den Vorteil, dass der Betrieb nicht ausschließlich gewinnorientiert laufen muss: "Wir müssen nur uns selbst die Gewinn- oder Verlustrechnung vorlegen, bei uns steht aber der soziale Aspekt an erster Stelle." Hervorgegangen war die Initiative "NohA" vor acht Jahren aus dem ehemaligen Arbeitskreis Heimatpflege, der zuvor eine Kapelle saniert und eine Nepomuk-Figur aus Sandstein hergerichtet hatte. Danach schufen die überzeugten Nordhalbener ein kleines Heimatmuseum, in dem die Klöppeltradition des Ortes dokumentiert und an die vielen Heimarbeiterinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert wurde. Darin gibt es auch ein Grenzmuseum zur Erinnerung an die deutsche Teilung, schließlich hatte der Eiserne Vorhang die Lebensadern des Marktes 44 Jahre lang durchtrennt. "Nichts Großartiges", beschwichtigt Adler, "aber für die Größe der Ortes durchaus gelungen."Ein größeres Projekt sei dann schon der Nordwaldmarkt gewesen, an dessen Realisierung konkret 65 Einwohner zwischen 16 und 80 Jahren mitgewirkt und Hand angelegt hatten. An den drei öffentlichen Informationsveranstaltungen im Vorfeld nahmen je rund 500 Menschen teil. Die Bevölkerung habe dadurch eine neue Form des Zusammenhalts und des Gemeinwohldenkens erfahren, hieß es in der Laudatio von Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Sie zeichnete das Projekt Nordwaldmarkt und die Initiative "NohA" vor wenigen Wochen mit dem Bürgerkulturpreis 2011 des Bayerischen Landtags aus.
Stephan Herbert Fuchs